11. Etappe: 31. Mai bis 8. Juni, Turku bis Happaranda/Kemi

Der Weg ans Ende der Ostseewelt

ca. 434,5 Seemeilen

Wieder eine nette Ankerbucht im Sinn legten wir nach Erledigen der Besorgungen in Turku ab. Auf dem Weg zu unserer Zielinsel Hiiri mussten wir eine Brücke von 16,5 Metern Höhe passieren, was bei ablandigem Wind gut gelang.

Am Ziel angekommen, überraschte uns das unbewohnte Eiland mit einigen Abenteuern.

Zunächst wurde allerdings ausgiebig gegrillt. Pierre zauberte eine Zwiebelsuppe nach französischer Art - einzig das Baguette fehlte.
Am nächsten Morgen war nun Zeit für unseren Inselexpeditionsbeauftragten Holger, die Insel ausgiebig zu erkunden und den inseleigenen Berg zu erklimmen. Von da aus gab es eine Übersicht über die Weiten der Schären. Auf gut 60 Metern Höhe konnte man entspannt auf den Felsen liegen und - wenn man die Augen in der Sonne ab und zu öffnete - den Ausblick genießen. Auf dem schwierigen Weg den Felsen hinab, stolperte Holger beinahe über eine Schlange. Uns noch über diese Zufälligkeit amüsierend, geschah uns um ein Haar das Gleiche. Eine Kreuzotter.

Natürlich hatte das stattliche Tier sofort reißaus genommen, aber darauftreten sollte man dennoch wohl besser nicht. Es gab also auch noch Gefahren abseits der christlichen Seefahrt.

Unsere Laiendeutungen zur Art der zweiten gesichteten Schlange und derer besonderer Giftigkeit, die sich für uns zwingend aus der schwarzgelben, wespenartigen Colorierung ergab, sollten erst Tage später am Lagerfeuer von Janne, einem finnischen Segler, keine Bestätigung finden: absolut harmlos - nun denn...

Das passende Wetter abgewartet, ging es am 3.6. morgens nach einem kompletten Insel- und Fischtag bereits um 6 Uhr los. Wir erwarteten Wind aus Südost, der uns unter Spinnaker ordentlich vorantreiben sollte. Außerhalb der Bucht war es denn auch wie gewünscht. Großsegel und Spi stiegen. Bis auf den zweimaligen Einsatz unserer Kreuzgenua zum Anluven zog uns diese Segelkombination über 26 Stunden, die wir vor dem Wind Richtung Vaasa kreuzten. Am Abend des 4.6. jedoch schlief uns kurz vor dem südlichen Außenschäreneingang von Vaasa der Wind ein. Mit etwas gemischten Gefühlen suchten und fanden wir bald eine Ankerbucht, in der wir die Nacht verbringen wollten. Allerdings stand ein Winddreher auf West mit zunehmend 7-8 Beaufort bevor. Wieder ketteten wir Wiking deshalb vor zwei Ankern und zwei Landleinen fest in die Bucht. Die Nacht verging besser als gedacht. Die Anker hielten, und sogar der Danforth-Anker fraß sich auf dem teils Ton-, teils Felsboden nach einer kleinen Rutschpartie wieder fest.
Nachdem der Wind etwas abgeschwächt war, lichteten wir am Morgen des 5.6. zuerst den Danforth-Anker, der sich in einem alten, vertriebenen Netz verhangen hatte. Beim Zurückziehen des Bootes verfing sich plötzlich auch etwas in Wikings Schraube - das Netz? Wir schauten rundum, entdeckten aber keine Markierungsbojen...

Mit vorsichtigem Vor und Zurück kamen wir dann aber doch gut frei und nahmen Kurs auf Vaasa, das wir am Abend um 18 Uhr bei abflauenden Winden erreichten.

Sicherheitshalber musste hier einer von uns tauchen gehen. Die Wahl fiel auf Holger, der  sich durch seinen kurzen Schwimmeinsatz vor einigen Tagen bereits hervorragend qualifiziert hatte. Zumindest war der bottnische Meerbusen seit nun gut 2 Wochen eisfrei.

Holger tauchte also und fand  - siehe da - ein Netz um Schraube und außenliegende Welle gewickelt. Gott sei Dank ließ es sich mit dem geriffelten Messer des Leathermans vollständig entfernen.

Anschließend verduschte der livide verfärbte Holger den gesamten Vorrat warmen Wassers. Das hatte er sich bei 5 bis 6° Wassertemperatur allerdings auch verdient. Dummerweise hatten wir den Neoprenanzug zu Hause gelassen.

Der Hafenmeister des perfekt mit Dusche, Küche, Sauna und Waschmaschine ausgerüsteten Hafens erklärte uns den hier üblichen Fischsport mit Netzen, der eigentlich eine Lizenz voraussetzt. Hat man keine solche, wird trotzdem gefischt - allerdings werden die Netze aus verständlichen Gründen dann eben nicht bezeichnet.

Das war gut zu wissen, auch für unseren weiteren Weg nach Norden, wo dieser Gebrauch noch ausgeprägter zu finden sein sollte. Kein Maschineneinsatz also mehr abseits der Fahrwasser.

In Vaasa verbrachten wir eineinhalb schöne Tage, bevor wir am 7.6.gegen Mittag ausliefen um uns 21,5 Meilen hinter Vaasa in einer Ankerbucht auf die Lauer zu legen. Die Wetterprognose sagte für die nächsten zwei Tage Nordwestwind voraus, gefolgt von einem Südwest... Die Vorhersage schien uns etwas ungenau, und so machten wir uns einmal mehr ein eigenes Bild. Danach sollte der Südwest früher kommen.

Dennoch hieß die Devise vorerst abwarten. In die Ankerbucht unter Großsegel einfahrend, den Heckanker bereits klar zum Fallen, entdeckten wir auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht ein Boot, welches wir auch schon in Vaasa gesehen hatten: ein hervorragend renoviertes und ganz aus Holz gebautes traditionelles Segelfischerboot, das Janne, einem gerade mit dem Studium fertig gewordenen Lehrer für Werkunterricht gehörte. Er lud uns via Handzeichen ein, in einem kleinen Privathafen des Vaasaer Segelvereins festzumachen. Dieser idyllische Platz Erde bestand aus drei landestypischen und einfach, aber schick renovierten Hütten direkt hinter einer Steganlage. Ferner gab es viel Holz und einen überdachten Grillplatz. Hier fertigten wir gemeinsam mit Janne Bouletten, tranken ein paar gemeinsame Biere (wir hatten finnisches an Bord, Janne deutsches) und diskutierten bis tief in die Nacht über alles Mögliche, von PISA bis Tallinn.

Am nächsten morgen um 6 kam der Wind noch aus Nordwest, um 9 Uhr drehte er schon langsam Richtung West. Jetzt konnte es klappen, nur die Stärke reichte noch nicht...

Um 14:45 endlich, Janne war schon vor Stunden zurück Richtung Vaasa aufgebrochen, passte alles. Zum Verlassen der Bucht brauchten wir noch für fünf Minuten den Motor, dann stiegen Großsegel und Spinnaker und wir halsten der Nacht entgegen. Tornio/ Happaranda, die beiden nördlichsten Städte an der Ostsee, waren unser Ziel und wir versuchten bei der sich bildenden komplexen Hochdrucklage jede Chance zu nutzen. Es sollte einmal mehr ein ganz besonderer Segeltag werden.

Zunächst ging es mit 4 bis 5 Knoten noch vergleichsweise gemächlich nach Norden. Erst als wir die Schären hinter uns ließen und somit die Landabdeckung wegfiel, beschleunigte Wiking auf zunächst 6, später dann 7 und 8 Knoten. Erst als um 22:20 Uhr der Bug zu unterschneiden drohte und Wiking mit ohrenbetäubendem Geräusch die gut zwei Meter Welle hinabsurfte war bei 8,4 kt vorerst Schlus mit dem ganz großen Spaß. Bei nun 6 Windstärken stieg die kleine Genua und der Spinnaker verschwand brav dahinter in seiner Tüte. Ein bißchen Schade war es schon, aber sicher die richtige Entscheidung für die Nacht. Mit immerhin 6,5 bis 7 Knoten machte Wiking auch unter dieser Kombination noch recht flotte Fahrt. Über Nacht flaute der Wind später deutlich ab. Dennoch fielen wir nur für drei Stunden unter 5 Knoten. Nur der Schlaf stellte sich nicht  so gut ein wie zuvor. Die nicht untergehende Sonne, das "Umeinandergewürfel" auf dem raumen Kurs und - erstaunlicherweise - auch das gut Ausgeschlafen sein forderten ihren Tribut.

Um 14 Uhr fielen wir unter die 5 Knoten und setzten erneut den Spinnaker, der uns dann bis 20:35 Uhr mit guter Fahrt Richtung Norden zog. Hier erfolgte der Wechsel auf die Genua, mit der wir die recht komplexe Anfahrt auf Tornio (unsere Karten zeigten eine nicht mehr aktuelle Betonnung) bis in den Jachthafen fortsetzen konnten. Doch welcher Jachthafen? Die Vorfreude auf eine warme Dusche, die die Kälte wieder aus den Gliedern treiben würde, wurde spontan enttäuscht. Die Saison war hier noch nicht losgegangen und es war kalt - bitterkalt.

Einige Schwimmstege schwammen im Wasser, teilweise halb versenkt, drei Boote lagen auch dort, aber das war es dann auch. Das Fahrwasser in die Innenstadt von Tornio konnten wir wegen unseres Tiefganges und einer Sieben-Meter Brücke nicht nehmen. - Lange Gesichter.

So ankerten wir mitten im Hafen, um am nächsten Tag Kemi anzulaufen, welches ca. 15 Meilen östlich von Tornio liegt.

Bei einem wärmenden Jagertee und nach Verspeisen der inzwischen täglichen Nudeln mit Ketchup kam dann aber doch der Frohmut zurück.
Das zweite große Ziel dieser Reise nach St Petersburg ist erreicht, Wiking und Ihrer Mannschaft geht es gut.

Der nördlichste Punkt der Ostsee, kurz vor dem Polarkreis, deutlich nördlich der südlichen Küste Islands ist geschafft. Breite 65°.

Von der Ankerbucht vor Vaasa bis Tornio lief Wiking 181,5 Meilen in 32 Stunden. Das sind 5,67 Knoten im Schnitt über 32 Stunden. Mit zahlenmäßig stärkerer Crew wäre noch mehr drin gewesen. Lesende Segler modernerer Jachten werden über diese Zahlen nur schmunzeln können, seien aber versichert, daß unser Unterwasserschiff eben sehr speziell geformt ist.

Am Morgen des nächsten Tages verlegten wir die 15 Meilen nach Kemi bei warmen Temperaturen und leichten Winden. Es sei der erste warme Tag hier oben gewesen, sagten die Einheimischen. Kemi erwies sich als die richtige Wahl. Die schicke Hafenanlage überraschte uns durch ihren Preis: 10 € für zwei Tage incl. Sauna, Dusche etc. und ihre idyllische Lage.

Als der  Abend kam, war es an der Zeit, auszugehen. So fanden wir uns im Laufe der Nacht in einer finnischen Disco wieder, in der gut gefeiert wurde. Zu späterer Stunde wurde Holgers Ansinnen, bei dem Karaokewettbewerb ein beliebiges "kurzes" finnisches Rocklied zu singen (es gab eine Textanzeige) leider abgelehnt. Wir hatten dennoch viel Spaß. Im Hellen tanzten wir in die Sperrstunde um 4 Uhr, dann ging es zurück zum Boot.

reise-report

Bilder der 11. Etappe

Der nördliche Teil der Ostsee versorgt die Segler mit romatischen Stimmungsbildern.
Blick vom "Gipfel unserer Schäre".
Kulinarische Highlights vor dem letzten Schlag nach Norden.
Ein Blick in das Logbuch.
Nach getaner Arbeit: Einlaufen in Tornio.
Tornio: Hafen am Ende der Ostsee. Fotos: Crew

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