


Alle Jahre wieder ist Santiago de Compostela ein beliebter Anlaufpunkt für viele Pilger aus aller Welt. Doch nicht nur auf sie übt die galizische Hauptstadt, die im vergangenen Jahr Europäische Kulturhauptstadt war, eine große Faszination aus.
Die Luft ist stickig. Es riecht nach Schweiß und Parfum. Mehrere Stunden und Kilometer haben die Pilger schon hinter sich. Immer mit einem Ziel vor Augen: die Kathedrale des Apostels Jakobus (spanisch: Santiago) in Santiago de Compostela. Fast stündlich sieht der Pfarrer des Wallfahrtsortes eine andere Pilgergruppe – darunter auch Deutsche, die den Jakobsweg im Norden Spaniens zurückgelegt haben. Gespannt geht ihr Blick nach oben. Ein süßlicher Geruch mischt sich unter die Düfte, ein Sausen und ein Windhauch erfüllt das Kirchenschiff. Der "Botafumeiro" ist im Dienst.
Vier in Rot gekleidete kräftige Männer ziehen abwechselnd an der Zugvorrichtung, die den 50 Kilogramm schweren und 1,10 Meter hohen silbernen Weihrauchkessel lenkt. Im atemberaubenden Tempo fliegt er über den Köpfen der Betenden hinweg. Viele bekreuzigen sich, andere murmeln Gebete oder Wünsche vor sich hin. Der Höhepunkt der Pilger-Messe ist damit erreicht: Denn der "Botafumeiro", der normalerweise nur zu besonderen Feierlichkeiten geschwungen wird, wird aus der Verankerung gehoben und von den vier Männern abtransportiert.
Der "Botafumeiro" gehört ebenso zur Tradition des Jakobsweges wie der "Pilgerkuss" – das Berühren oder Küssen der Statue des Heiligen Jakobus. Kein Wunder also, dass sich Dutzende nach der Messe durch den schmalen Weg drängen, der den Hauptaltar in zwei Teile trennt. Einige laufen die zwei Stufen hinunter zu dem kleinen römischen Mausoleum, in dem in einer Silberurne die Überreste des Apostels untergebracht sind. Andere streben direkt zur sitzenden Statue des Heiligen Jakobus, die man berühren, umarmen oder gar küssen kann – ein Schnappschuss, der wohl in jedem Fotoalbum eines Jakobus-Pilgers zu finden ist.
Denn Santiago de Compostela zählt, neben Rom und Jerusalem, als "Heilige Stadt". Und auch die Wallfahrt auf dem Jakobsweg steht auf der gleichen Stufe wie eine Wallfahrt nach Jerusalem. So kommen täglich Tausende in die Stadt des Apostels, um die Grabstätten des Heiligen zu sehen. Eine Tradition übrigens, die es bereits seit dem 11. Jahrhundert gibt. Schon damals sind Könige, Fürsten, Pfarrer und große Scharen von Gläubigen in das einfache Pilgergewand geschlüpft, nur ausgerüstet mit einer Wasserflasche und ein wenig Reiseproviant. Denn wer eine Muschel an seinem Pilgerstock hängen hatte oder um den Hals trug, galt als Jakobs-Pilger, dem eine bevorzugtes Behandlung durch die Anwohner des Pilgerweges zuteil wurde.
Wer die Muschel umband und umhängt, versprach und verspricht sich einen "vollkommenen Sünden-Nachlass" – ein Recht, das Papst Kalixtus II. der Kathedrale von Santiago de Compostela verlieh. Papst Alexander III. erweiterte dieses Recht um den Passus "immerwährender, vollkommener Sünden-Nachlass", der heute aber nur noch in den "Heiligen Jahren" erteilt wird. Also in den Jahren, in denen der Namenstag des Heiligen, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt.
Doch auch ohne diesen "Jubiläumsablass" werden in den nächsten Monaten Hunderttausende die Muschel umlegen und sich auf den Weg in den spanischen Norden machen.
Ingrid Ort
Anreise
Wer nicht selbst nach Santiago de Compostela pilgern will, kommt problemlos per Flugzeug in den spanischen Wallfahrtsort. Der nächstgelegene internationale Flughafen ist Labacolla, von dem man über die N 634 direkt nach Santiago de Compostela gelangt. Zwischen Santiago und Madrid verkehren täglich zwei Züge und einer zwischen Santiago und Bilbao. Mit dem Auto kommt man über die Autobahn A-9 nach Santiago.
Reiseveranstalter
Verschiedene Veranstalter haben sich auf Pilgerreisen spezialisiert, wie das Bayerische Pilgerbüro in München, www.pilger-reisen.de,
Bauer Touristik GmbH in Bamberg, www.bauer-touristik.de
Informationen
Spanisches Fremdenverkehrsamt
Myliusstraße 14
60323 Frankfurt/Main
Tel. 06123/ 991 34
Fax 06123/ 991 51 34
Weltkulturerbe
Santiago de Compostela, Sitz eines Metropolitan-erzbischofs und einer alten Universität, ist der berühmteste spanische Wallfahrtsort und wegen seiner Kathedrale eine Stätte, die es zu besuchen lohnt. Santiago de Compostela, von der UNESCO zum Kulturdenkmal der Menschheit erklärt, liegt im Nordwesten Spaniens in der Provinz La Coruña, etwa 35 Kilometer von der atlantischen Küste entfernt.