Jemen Reisen – Wandern im Jemen

Fluchtburgen für Aufsteiger

Jemen: Harrazgebirge
Markttag im Bergdorf Manakhah.
Impression im Jemen
Blick über die Altstadt von Sana'a. (Fotos: edition Vasco)

"Sura, Sura" (Foto, Foto) tönt eine helle Stimme, scheinbar aus dem Nichts. "Qalam, Qalam" (Stift, Stift) ruft eine andere. Komisch. Kein Mensch ist zu sehen auf dem schmalen Weg, der sich entlang der schroffen Bergkämme und der terrassierten grünen Felder zieht. Spukt es im Bergjemen? Gibt es Geister im Harazgebirge? Davon stand in keinem Reiseführer etwas zu lesen.

Wandern – was soll das?

Doch plötzlich taucht ein Kopf hinter einem Steinhaufen auf. Aus eins wird zwei und aus zwei wird gleich eine ganze Schar Kinder, die eilfertig kleine, gehäkelte Mützen an die "Sadiqs" (Freunde) verkaufen wollen. Denn es ist kalt im Bergjemen. Jedenfalls für jemenitische Verhältnisse. Temperaturen, die wir Europäer als angenehm sommerlich warm bezeichnen, machen die Einheimischen frösteln.

Die Männer ziehen über das obligatorische wadenlange Gewand (zanna) einen Sakko, die Frauen sind in diesem Teil des Landes sowieso von Kopf bis Fuß in mehrere Schichten Stoff gehüllt, die äußerste Lage in der Regel tief schwarz. Doch das hat andere, religiöse Gründe.

Das stabile Wetter und die landschaftlichen Reize machen diesen Teil Jemens an der Südspitze der arabischen Halbinsel, etwa 85 Kilometer westlich der Hauptstadt Sana'a, zu einem Wandergebiet par Excellence, was die Einheimischen wiederum kalt lässt. Wandern? Was soll das? Mit Skepsis blicken sie auf uns Touristen, die dieser seltsamen Sportart nachgehen. Nicht nur Sprachprobleme, sondern auch die Höflichkeit verbieten es den Jemeniten, sich dazu verbal zu äußern. Aber ihre Blicke sprechen Bände, die sie uns Wanderfreunden aus den Landcruisern oder Pickups zuwerfen.

Für die Araber ist es offensichtlich unverständlich, warum sich Menschen aus purem Spaß in der Natur abrackern. Sich mühen, den Einstieg in Wege zu finden, die auf 2250 Metern durch eine wildromantische, grün bepflanzte Terrassenlandschaft zu den kleinen Dörfern führen, die sich an die Bergkämme krallen, mit ihren wehrhaft und trutzigen Häusern, die über den Tälern Wache halten. Wanderwege in unserem Sinne gibt es hier nicht, geschweige denn irgendwelche Markierungen. Da tut mancherorts ein Führer Not und schließlich gut, als er uns auf direktem Weg auf den unbefestigten Pfaden ans Ziel bringt. Beispielsweise nach Houdaib.

Abmarsch ist um 7 Uhr von unserem Funduk in Manakhah. Guide Ibrahim führt uns etwa dreieinhalb Stunden auf 2450 Meter hinauf in den ehemaligen Hauptort der jemenitischen Ismaeliten, die sich im 13. Jahrhundert in das unwegsame, leicht zu verteidigende Harazgebirge zurückgezogen hatten. Die meisten Anhänger dieser Bohra-Sekte leben heute in Indien, weil sie wegen ihrer etwas anderen Auffassung des Islam zeitweise verfolgt worden waren. An den Ort ihres Ursprungs kehren sie nur während ihrer Pilgerreisen zu der Grabmoschee ihres Heiligen al-Hadami zurück.

Weiße Gipsanstriche wider den bösen Blick

Wahrhaft erhebend war dann der Moment, als wir den Aufstieg geschafft hatten: Leuchtend weiß überragt die Moschee des Ortsheiligen auf einem exponierten Felsen das Dorf. Weiß sind auch die geometrischen Gipsanstriche an den wie Festungen wirkenden Steinhäusern. Damit wird einerseits das Mauerwerk geschützt, andererseits sollen die Bewohner vor dem bösen Blick bewahrt werden, erklärt uns Ibrahim bedeutungsvoll. Denn der weltweit verbreitete Glaube, dass bestimmten Menschen die magische Kraft innewohnt, durch bloßes Ansehen einem anderen Menschen oder Tier Krankheit und Tod zu bringen oder ihm anderweitig Schaden zuzufügen, ist auch im Jemen weit verbreitet.

Steinerne Wohntürme

Weniger anstrengend und kürzer (Dauer: etwa eine Stunde) ist die Wanderung von Manakhah aus in das Dorf Kahel, von wo aus man bei entsprechendem Wetter einen herrlichen Ausblick auf die bizarre Bergwelt hat. Oder in das kleine Örtchen Hajjarah, das wir von Manakhah aus ebenfalls in einer Stunde auf einer Schotterpiste erreichen, die sich durch eine mit Qat, Mandeln und Kaffee bewachsene Terrassenlandschaft zieht. Eng schmiegen sich hier die bis zu sieben Etagen hohen steinernen Wohntürme aneinander und bilden eine natürliche Stadtmauer. Ein Steinstufenweg führt durch das mittelalterliche Tor, dem einzigen Zugang zur Altstadt, eines der schönsten Beispiele jemenitischer Baukunst.

Manakhah selbst ist heute eher bedeutungslos, wird aber wegen seiner Lage auf einem Bergsattel des Harazgebirges von Reiseveranstaltern und Individualtouristen gerne als Ausgangspunkt für Wanderungen genommen. Außer seinen zahlreichen Übernachtungsmöglichkeiten, seinem Wochenmarkt und einem Fort aus der türkischen Besatzungszeit im 19. Jahrhundert, das oberhalb des Dorfes liegt und von Militärs genutzt wird, besitzt der Ort nichts besonderes. Einst war er wichtiger strategischer Punkt zwischen Meer und Hochland am ehemaligen Handelsweg zwischen Sana'a und al-Houdaydah in der Tihama.

Zwischen Tradition und Fortschritt

Überhaupt ist eine Reise durch den Jemen wie ein Trip durch ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch. Trotz aller Modernität haben sich hier bis heute Strukturen erhalten, die in den meisten Ländern Historie sind. Die Männer tragen ihren traditionellen Krummdolch, die so genannte Djambija, mehr als Statussymbol denn als Waffe vorne in ihrem Gürtel, im Norden des Landes meist noch gepaart mit einer Kalaschnikow. Das tägliche Leben wird vom nachmittäglichem Kauen der Volksdroge Qat, einem gesellschaftlichen Ereignis besonderer Prägung, von überlieferten Stammesgesetzen und der Religion bestimmt. Letztere prägt auch stark die Einstellung der Menschen.

Unser Fahrer Hussein zum Beispiel, ein Beduine, war gestern noch ein reicher Mann. Heute ist er arm. Denn Gott schickte aus heiterem Himmel eine grausame Regenflut über sein Land, die binnen 24 Stunden alles wegspülte, was nicht niet- und nagelfest war. Aus war es mit seinen wohlbestellten Äckern, seinem großen Viehbestand und seinem intakten Haus, das seiner Großfamilie ein schützendes Dach über dem Kopf bot. Hussein nimmt sein Schicksal ohne Klagen hin: "Inshallah" - So Gott will. Gott wollte wohl auch, so Hussein, daß der Landcruiser die Naturkatastrophe unbeschadet überstanden hat. Damit fährt der Beduine nun uns Touristen durch sein Land. Stolz, freundlich und immer um unser Wohl als Gast bemüht. Straft ein arabisches Sprichwort Lügen, das besagt: "Wer in den Jemen geht, kommt darin um."

Eine Legende aus 1001 Nacht

Jahrhundertelang hatte diese Redewendung Gültigkeit. Stets trat diese "terra incognita" Fremden, Forschern, Abenteurern und Entdeckern feindselig gegenüber. Kaum einer hatte bis zum 19. Jahrhundert überhaupt eine Chance, in dieses Reich der zayditischen Imame einzudringen, um das sich schnell die Legende einer Märchenwelt aus 1001 Nacht rankte. Die wenigen, die es geschafft hatten, mussten das Land meistens fluchtartig verlassen oder kamen darin wirklich um.

Ein Abenteuer und ein Land für Entdecker ist der Jemen bis heute geblieben. Nicht nur beim Wandern. Seit dem Ende des jüngsten Bürgerkrieges 1994 zeigt der Friede Flagge. Doch immer wieder passiert es, dass Teile des Landes wegen Stammesfehden für Touristen unpassierbar oder nur mit großer Vorsicht zu genießen sind. Deshalb empfiehlt es sich, in einer organisierten Gruppe zu reisen oder sich einen Fahrer zu mieten (Mietautos ohne Fahrer gibt es aus versicherungstechnischen Gründen sowieso nicht mehr). Fahrer Hussein und Guide Ibrahim profitieren natürlich von dieser Situation. Sie setzen aber auch alles daran, uns einige Schmuckstücke ihres Landes rund um Sana'a zu zeigen.

Doris Seitz

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Tipps für Reisen

Einreise

Deutsche brauchen einen Reisepass, der mindestens noch sechs Monate gültig sein muss, und ein Einreisevisum. Das erhält man gegen eine Gebühr beim Konsulat der Republik Jemen,  Budapester Str. 37, 10787 Berlin, Tel.: 030-832259-01/02, Fax: 030-832259-03, Email: Konsulat(at)Botschaft-Jemen.de, Internet: http://www.botschaft-jemen.de. Auf keinen Fall darf man ein Visum von Israel im Pass haben.

Allgemeines

Einfache Wanderungen kann man getrost alleine unternehmen. Allerdings sind die Wege weder markiert noch gesichert. Problem für Europäer ist die ungewohnte Höhe, denn im Bergjemen wandert man zwischen 2000 und 2800 Meter. Dazu kommt die starke Sonneneinstrahlung. Dringend nötig sind Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor, Kopfbedeckung mit Nackenschutz, ausreichend Trinkwasser und eine Ausrüstung, wie man sie auch bei uns in den Alpen haben sollte: also feste Schuhe mit rutschfester Sohle, Regen- und Windschutz.

Zeit

Die ideale Zeit für ausgedehnte Wanderungen sind die Wintermonate bis April. Wer nicht von Europa aus die ganze Ausrüstung mitschleppen möchte, der kann bei Agenturen in Sana'a geführte Wanderungen buchen.

Weitere Informationen

Der lokale Reiseveranstalter Yemen Explorer Tours führt vor Ort unterschiedliche Individual- und Gruppenreisen durch. Deutsch sprechender Ansprechpartner ist Ibrahim al-Attab, Yemen Explorer Tours, P.O.Box 23091, Sana’a, Yemen, e-Mail: yestours(at)y.net.ye, Internet: www.al-bab.com/yet oder www.yemen-explorers.com

Die Perlen des Jemen

Perle Nummer1: die Hauptstadt Sana'a, mit der die meisten Reisenden den ersten Kontakt zum Jemen bekommen. Was auch gut ist, denn hier wird der Traum vom alten Orient am plastischsten Wirklichkeit. Märchenhaft der Blick von einer der vielen Dachterrassen in der Altstadt, die seit 1984 als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO steht. Kuppeln, Minarette und Häuser wie aus 1001 Nacht mit bunten Rundbogenfenstern und mit Gipsornamenten umschließen zahlreiche Gärten. Und mittendrin ein brodelnder Suq, wo fliegende Händler lautstark ihre Waren feilbieten.

Perle Nummer 2: die 81 Kilometer lange Strecke von Amram über Kuhlan nach Hajja durch die wohl schönste Berglandschaft des Jemen. Tiefe Schluchten und grüne Täler wechseln sich ab mit trutzigen Dörfern, die mit der Bergkulisse verschmelzen, und in, um oder über zahllosen Terrassenfeldern liegen. Schlangenförmig führt die Straße durch diese naturgewaltige Landschaft. Natur pur, die überall zum Wandern einlädt.

Perle Nummer 3: Shibam und Kawkaban, zwei Dörfer, die 400 Meter Höhenunterschied voneinander trennen und die ein alter Steinstufenweg miteinander verbindet. Wer den Weg von Kawkaban, der ehemaligen Fluchtburg der Imame, nach Shibam hinunter geht, erspart sich nicht nur viel Schweiß, sondern hat auch noch die bessere Aussicht. Und egal, welche Route er wählt, Scharen von Kindern, die nach "Sura, Sura" oder "Qalam, Qalam" verlangen. Schließlich sind wir im Jemen.

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