Wiener Kaffeehaus-Tradition

Dichter, Revoluzzer und ein Schalerl Kaffee

Im Café Sperl regiert noch die Tradition.
Die Kaffee-Spezialität "Obermayer" kennen nicht einmal alle Kaffeehaussieder! Aber wer ihn kennt... (Foto: edition Vasco)

Er spielte Schach, er las seine Zeitung, er trank Kaffee, er diskutierte. Darin unterschied sich Leo Bronstein während seiner Wiener Jahre von keinem der anderen Kaffeehausgänger. Ob sie nun Karl Kraus, Friedrich Torberg oder Alfred Polgar hießen. Stammgast im Café Central in der Wiener Herrengasse war er, einer, den man kannte. Staunen dann allerdings an den Wiener Kaffeehaustischen, als die Kunde nach Wien gelangte, der Leo, der sich dann Trotzki nannte, habe in Rußland Revolution gemacht und damit Weltgeschichte. Berühmt der angebliche Ausspruch des damaligen Außenministers: "Gehn S', wer soll in Rußland Revolution gemacht haben? Der Bronstein aus'n Café Central?"

Wiener Kaffeehaus-Tradition

Das Kaffehaus als Tummelplatz der Intellektuellen. Gern schmücken sich auch heute noch die Kaffeehausgänger mit den Namen derer, die Geschichte machten, berühmt wurden. Gern würde mancher von ihnen, die zur Melange gratis "ihre" Zeitung lesen, auch in die Fußstapfen eines Karl Kraus beispielsweise treten. Der hat ja einmal gesagt, dass im Café die Talente so dicht an einem Tisch säßen, "dass sie sich einander gegenseitig an der Entfaltung hindern".

Vielleicht ist die Sturm- und Drangzeit der Dichter und Denker in Wien vorbei. Immerhin aber ist die Schale Kaffe die Eintrittskarte zu einem Lebensraum geblieben, in dem man einen angemessenen Abschnitt des Tages verbringen kann. Eine Lebensnotwendigkeit für alle, die allein sein wollen, dazu aber Gesellschaft brauchen.

Treffpunkt "Hawelka" oder "Café Sperl"

Einen solchen Ort findet man, auch als Fremder, zum Beispiel noch im "Hawelka", in der Dorotheergasse, wo der Herr Leopold seit dem Mai 1939 mit seiner Frau Josefine die Gäste an und um die 26 Tische dirigiert. Oder im "Café Sperl", das seit der Eröffnung 1880 unverändert geblieben ist - mal abgesehen von der Restauriereung 1983. Ein Haus im Ringstraßenstil, mit schwülstigem Dekor, alles Original, auch die Putten. Sie spielen Karten, die Engerl dort oben am Fries, trinken Kaffee (was sonst!), zwei raufen miteinander und sie blicken zu den Billardtischen hinunter, die immer reichlich genutzt werden.

Ein "Obermayer" wird zelebriert

Im "Sperl" kennt man auch den "Obermayer". Nein, nicht was Sie denken. Das ist kein Stammgast, schon gar kein Dichter, Maler oder Revolutionär. Es ist ganz einfach eine Spielart der Kaffee-Kreationen, die Wien so berühmt gemacht haben. Der Obermayer ist schwarzer Kaffee, also ein Mocca, der mit einer Schicht flüssigem Schlagobers bedeckt ist, das über einen verkehrt gehaltenen Kaffeelöffel vorsichtig auf das belebende Getränk gegossen wurde. Den Zucker sollte man bereits vor dem verrühren beimengen, damit die Obersschicht nicht zerstört wird. Denn der "Obermayer" wird durch die weiße Schicht hindurch zelebriert - nicht einfach getrunken! Allerdings, das ergab ein Test der Wiener Tageszeitung "Der Standard" stellt der Wunsch nach dem "Obermayer" selbst viele der alteingesessenen Kaffehaussieder vor schier unlösbare Probleme. Wo man den "Obermayer" aber kennt, ist der Gast, der sich auskennt, gut bedient...

Kleines Einmaleins für Kaffee-Kenner

Übrigens: Wer schlicht "Ein Kaffee" ordert, outet sich schnell als ungeübter Kaffeehausgänger. Besonders wenn der Herr Ober, der "Herr Leopold" etwa oder der "Jean", die Bestellung mit der Frage "Was wird angenehm sein?" eingeleitet hat. Ein wenig Kenntnis über die variationsreichen Kaffeezubereitungsarten der Wiener Kaffeesieder möcht' schon sein, bittesehr...

Die Melange gibt es bereits seit dem 17. Jahrhundert, als die Wiener die hinterlassene Kriegsbeute der Türken als zu bitter empfanden. Diese Mischung aus etwa gleich viel Milch und Bohnenkaffee sollte zum Grundwortschatz des Kaffeehaus-Neulings gehören. Wer statt Milch lieber Sahne obendrauf hat, der bestellt das Ganze "mit Schlagobers bzw. Obers. Wer schlicht Sahne ordert, der outet sich... (siehe oben)

Wolfgang Seitz

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Tipps für Reisen

Cafés mit Tradition

Café Central
Herrengasse 14, Mo - Sa 8 - 22 Uhr, So und Fei Ruhetag.
Vom Geist des legendären Literatencafés zeugt nur noch Ebenbild von Peter Altenberg. Tel. 533 54 26

Café Sperl
Gumpendorfer Straße 11, Mo - Sa 7 - 23, So 15 - 23 Uhr (im Sommer So Ruhetag).
1880 erbaut verbreitet das "Sperl" heute noch das Flair der Ringstraßenzeit. Die Sitzkassiererin gibt‘s leider nicht mehr. Tel. 586 41 58

Café Hawelka
Dorotheergasse 6, Mi - Mo 8 - 2, So u. Fei 16 - 2 Uhr, Di Ruhetag.
Die Spezialität, die legendären Buchteln, gibt‘s erst am Abend. Tel. 512 82 30

Information

Die "Wiener Spaziergänge" haben unter anderem auch das Wiener Kaffeehaus auf dem Programm, Besichtigung vor Ort sozusagen. Info: 0043/ 1/ 894 53 63.

Kaffeehaus-Lexikon

Zum Kaffeehaus-Lexikon für Wienbesucher, angehende Literaten und sonstige Möchtegern-Insider gehört das Wissen um die Kaffee-Kultur – damit keine Frage mehr offen bleibt. Und die müssen sich dann auch nicht sagen lassen, was im Café Sperl zu lesen ist: »Sie kennen sich bei den vielen Kaffeesorten nicht aus? Dann nehmens einfach ein Viertel Weißen!« Hier das kleine Lexikon:

Großer Brauner: große Tasse Kaffee mit einem Schuss Milch

Kleiner Brauner: kleine Tasse Kaffee mit einem Schuss Milch

Großer Schwarzer: große Tasse Kaffee

Kleiner Schwarzer: kleine Tasse Kaffee

Verlängerter Brauner: mit Wasser verdünnter Schwarzer

Kaffee verkehrt: mehr Milch als Kaffee

Türkischer Kaffee: heiße Spezialität im Kupferkännchen (nach dem Vorbild der Orientalen)

Einspänner: ein Schwarzer im Glas mit Schlagobers. Das mitgereichte Glas frisches kaltes Wasser ist gegen die Übersäuerung des Magens

Kapuziner: Schwarzer, mit einem Schuss Obers

Mazagran: kalter Kaffee mit Rum und Eiswürfeln

Kaisermelange: Kaffee mit Eidotter und Alkohol zu einer geschmackvollen Mischung verrührt

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