7. Etappe, 17. bis 20. Mai: Tallinn bis St. Petersburg

Aus dem Logbuch der Wiking-Crew

Ca.  203 Seemeilen

Nachdem wir am Montagnachmittag bereits die eindrucksvolle Innenstadt Tallinns erkundet hatten, machten wir uns am Dienstagmittag ausgeschlafen auf den Weg zum mittelalterlichen Rathaus, wo wir einen Termin mit dem Kulturbeauftragten hatten, um ihm die Grüße der Lübecker Bürger zu überbringen. Man bot uns einen sehr freundlichen Empfang und im Anschluss hatten wir bei einer Rathausführung die Gelegenheit, unter anderem eine Ausstellung über die Hanse zu besichtigen, die zeigte, dass eine Partnerschaft zwischen den Hansestädten schon lange besteht und bis heute lebendig gehalten wird.

Gegen 18.30 Uhr verließen wir das windstille Tallinn mit geteilten Gefühlen: wehmütig über die Abreise von Jakob und Lena, aber glücklich über die Dieselpreise an der Tankstelle. Auch für Eva und Dietmar sollte es die letzte Etappe sein.

Wer jetzt mit der Beschreibung eines weiteren schönen Sonnenunterganges rechnet, muß hier leider enttäuscht werden - diese Etappe sollte anders werden...

Nach dem friedlichen Sonnenuntergang unter Motor kam der Regen. Rückseitenwetter kündigte sich bei rasch fallendem Luftdruck an. Als um 1.00 Uhr die zweite Wache an Deck kam, segelte das Boot bereits zwei Stunden mit fünf Knoten am kühlen Nordwind. Um etwas Lage aus dem Boot zu bekommen, entschieden sich Eva und Christian für das erste Reff - dann auch für das zweite. Doch der Wind frischte bei zunehmender Welle weiter kräftig auf, so dass wir die große gegen die kleine Genua austauschen mußten. Mit sieben Knoten pflügte Wiking am Wind durch die Wellen.

Spätestens jetzt war es für alle mit dem Schlafen vorbei. Unter Deck wurden die Crewmitglieder in den Kojen von der einen in die andere Ecke geworfen, während die zwei an Deck versuchten, Wind, Wellen und Regen zu trotzen. Die Rückseite des durchgewanderten Tiefs drehte den Wind auf Nordost, weswegen wir im Morgengrauen bei starkem Regen beidrehen mussten, um die Genua I wieder an Bord zu holen, die durch die überkommenden Wellen aus ihrer Befestigung gerissen worden war. Die Fock wurde angeschlagen.

Nach 5 Stunden Nachtschicht schleppte sich eine völlig erschöpfte Eva mit letzten Kräften in ihre mäßig warme Koje und der zunächst noch heitere Schwabe Dietmar betrat mit dem Wort "Oho" das Deck, als mächtige Wellen sich über dem Vorschiff brachen. Als wir bei unserer stündlichen Routinekontrolle feststellten, dass die Bilge bis zu den Bodenbrettern voll Wasser gelaufen war, lenzten wir fünfzehnminütlich das Boot, bis wir endlich die Ankerklüse mit Tape verklebten. Das half.

Bei erheblichem Schlafdefizit der Crew besserte sich das Wetter im Laufe des Tages, so dass wir gegen 12.00 Uhr bei der Insel Hogland in das Hoheitsgebiet der russischen Föderation einliefen. Prompt kontaktierte uns "Russian Coastguard" über Funk in einem schwer verständlichen Englisch, und das nicht bloß einmal, sondern stündlich. Auch der sonstige Funkverkehr trug zu unserer Erheiterung bei. Hier eine Kostprobe des Fährschiffs Finlandia auf die wiederholte Frage nach dem Namen eines ihm nachfolgenden Schiffes: "I don´t know the name of the ship behind of me, because there is no ship behind of me." Doch es sollte noch besser kommen. Russland besitzt mit Kronstadt eine Festungsinsel, Standort der größten Flottenverbände im Ostseeraum, die St. Petersburg vorgelagert ist und durch zwei Dämme nach Norden und Süden den finnischen Meerbusen abschließt und lediglich eine etwa 100 Meter breiten Durchfahrt offen lässt.

Diese Enge passierten wir gegen 5:30 Uhr ohne bei der schlechten Sicht die Zollstation erkennen zu können. Wir entschieden uns weiterzufahren. Die aktuellen Karten, die wir von der Ansteuerung hatten, verzeichneten vor der Küste keine Tiefen oder Landmarken abseits der Haupteinfahrt in den Handelshafen. Dort wollten wir aber nicht hin. So tasteten wir uns bei gespenstischer Atmosphäre unter Echolot und GPS Kontrolle nach Norden Richtung Marina vor, die sich per Funk nicht erreichen ließ. Plötzlich ein Richttonnenanlage mitten im Wasser. Der von Ihr bezeichnete Kurs führte direkt in die von uns angepeilte Flußmündung der Neva. Das mußte es sein. Später tauchte dann auch das erste Tonnenpaar auf. Jetzt war alles gut. So tasteten wir uns in den im Hafenhandbuch nur rudimentär beschriebenen Hafen vor.

Dort angekommen blieb uns eine schmucklose Mole, an der wir längsseits gingen. 11€ pro Tag waren die Rahmenbedingungen. Dafür gab es weder Toilette noch Dusche. Großartige Aussichten nach diesem Schlag. Erst als wir die Frage nach der "passport-control" im Hafen stellten, kam wieder Leben in die Bude. "Now you have a big problem" war die wenig ermutigende Antwort. Jetzt hielten wir uns also illegal in Russland auf.

Doch es entwickelte sich. Gleb, der einzig englischsprachige im gesamten Hafenkomplex, bot sich an, mit uns zu einem anderen Hafen zu fahren, bei der wir die Einreise-Prozedur nachträglich durchführen könnten.

So ging es los Richtung Fährterminal, wo wir uns einer insgesamt etwa 5 stündigen Paß/ Einreisekontrolle unterzogen. Gott sei Dank hatte Gleb uns begleitet. Ihm ist es zu verdanken, daß sich nach dem "Captain sit down" alles noch zum Guten wendete. Separiert von den anderen, die das Boot nicht verlassen durften, füllte Christian die notwendigen Formulare aus. Auch den Offizier der "Customs control" kannte Gleb.

Im Anschluss verlegten wir das Boot wieder in den ursprünglichen Hafen, wo unser Helfer wieder einmal einiges organisiert hatte. Jetzt gab es die Möglichkeit, auf einem Privatboot erst einmal ausführlich zu duschen. Auch Toiletten fanden sich bald. Völlig erschöpft beschlossen wir, erst am nächsten Tag die Stadt zu erkunden. So tranken wir noch Herrn Beuthiens leckeren Rotwein und schliefen danach friedlich ein.

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reise-report

Bilder der 7. Etappe

Der Abschied von Lena und Jakob.
In den Gewässern Russlands angekommen.
Unbemerkte Durchfahrt durch Kronstadt, morgens um halb sechs.
Die Festung Kronstadt.
Die Crew als "Illegale" in St. Petersburg.
Der St. Petersburger Yachthafen.

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