



Echt cool: Ausgerechnet Wien, das mit seinen imperialen Bauten und der Jahrhunderte langen Musiktradition, seinen Museen und Kunstsammlungen wirkt, als hätte es ausschließlich steifen Bildungsreisenden mit Kunstband auf dem Nachtkästchen etwas zu bieten, überrascht mit einer jungen, unglaublich boomenden Szene. Steile Clubbings, schrille Gigs, tagelange Stadtfeste, eine ganze Insel zum Austoben und jede Menge Cafés und Treffs formen die schillernde, junge Facette der altehrwürdigen Donau-Metropole.
Bis vor wenigen Jahren war Wien die Stadt für die 30-somethings. Die sich in den Kunsttempeln Staatsoper und Burgtheater an elitärer Kunst ergötzten, im Kunsthistorischen Museum die größte Bruegel-Sammlung der Welt bewunderten, im Schloss Schönbrunn von der prachtvollen Kaiserzeit träumten und beim Heurigen in Weinseligkeit verfielen.
Für Ausgeflippte war in Wien tote Hose. Klar, dass sie auf diese Stadt null Bock hatten. Das hat sich mittlerweile gewaltig geändert. Wiens junge Szene boomt wie nie zuvor. Ganze Stadtviertel geben sich, als wäre der Himmel über ihnen nie von Geigen verhängt gewesen und als hätte das Wiener Blut nie im Dreiviertel-Takt getanzt. Das Motto lautet: ausgehen, einklinken, flippen, relaxen und abtanzen!
Das klassische Revier für Wiener Szene-Freaks war und ist das Bermuda-Dreieck um die Ruprechtskirche in der Altstadt. Ihren Namen hat die in den engen Gässchen gelegene Vergnügungsmeile von jenem berüchtigten Teil des Atlantiks, in dem Schiffe und Flugzeuge spurlos verschwinden. Vergleichbar ergeht es Nachtschwärmern in First Floor und Krah Krah, Ma Pitom, Kaktus oder Ron con Soda. Mit dem einen Unterschied, dass hier bisher alle wieder aufgetaucht sind. Spätestens nach ein, zwei Tagen...
Um dann gleich wieder abzutauchen, auf „Beisltour“ in einen anderen Bezirk. Dazu bietet sich zum Beispiel das revitalisierte Biedermeierviertel Spittelberg an: Die Donau-Bar, Los Tequilas und Verde sind nur einige der vielen In-Treffs, die rund um das Veranstaltungs-Lokal Amerlinghaus liegen. Der Spittelberg hat das ganze Jahr Saison: im Winter, wenn er von süßlichem Punschhauch durchweht wird und sich alles auf dem Christkindlmarkt trifft, aber genauso, wenn das erste Mailüftchen durch die Straßen zieht, und die Schanigärten vor den Lokalen aus dem Boden schießen: Auftakt für Monate voll quirligen, munteren Lebens.
Ausgerechnet in gutbürgerlichen Bezirken wie Josefstadt (8. Bezirk) und Neubau (7. Bezirk) mit ihren Jugendstil- und Gründerzeitfassaden, die eine Atmosphäre von Gediegenheit und Wohlsituiertheit verbreiten, pulsiert das Szene-Leben. Treffs wie Blue Box, Galerie-Café, ¡más! und Miles Smiles reihen sich aneinander. Auf dem Gelände des alten Allgemeinen Krankenhauses, einer geradezu unglaublichen Idylle mitten in der Großstadt, ist ein Campus mit Lokalen entstanden, in denen sich nicht nur Studenten wohl fühlen. Rund um die Universität und in der Naschmarkt-Gegend verstecken sich gemütliche Beiseln mit Alt-68-Flair und Musik von Bob Dylan bis Miles Davies. Und Beiseln und Bars wie Amacord, Flieger, Motto und so weiter und so weiter. Dazu Multi-Kulti-Hütten wie das America Latina und das Andino.
Die Copa Cagrana, der Uferstreifen an der Neuen Donau nahe der Reichsbrücke, ist in der schönen Jahreszeit ein kleiner Kosmos für sich. Bestückt mit Bars und Restaurants, Cafés und Strand-Discos ist von Mai bis September für kühle Drinks und heiße Flirts gesorgt. High-Life auf Wienerisch, das sich nicht nur die gönnen, die auf der Donauinsel einen Urlaubstag mit Baden und Sonnen eingelegt oder surfen, radelnd und skatend ein kräftiges Workout absolviert haben.
Aufregende Höhepunkte der Wiener Szene sind Großveranstaltungen wie der Life-Ball, eine Aids-Benefiz-Veranstaltung, die im Lauf der Jahre zu einem der schillerndsten Österreich-Events aufgestiegen ist. Wer eine von den Tausenden Eintrittskarten ergattert, die jedes Jahr innerhalb von Minuten ausverkauft sind, kann nicht nur die scharfe Atmosphäre genießen, sondern auch die Catwalk-Show eines gefeierten Modedesigners, Live-Acts, heiße Rhythmen und sexy Gogo-Auftritte.
Zum Donauinsel-Fest, Europas größter Jugend-Party, strömen an drei Tagen über zwei Millionen Besucher. Bei freiem Eintritt sind auf 20 Bühnen Musik mit Hitparadenstürmern wie der Kelly Family, Joe Cocker und den Backstreet Boys angesagt, dazu Sport-Shows und Kabarett. Auf bunt, schrill und laut setzen Regenbogenparade und Love Parade: Zehntausende Tanzende eskortieren soundstarke Monstertrucks, die alle Stücke und Stilrichtungen spielen, von der Ringstraße bis zur Donauinsel. Und feiern bis in die Morgenstunden bei der großen Abschluss-Party.
Open-air-Spaß findet die junge Wiener Szene naturgemäß gerade im Sommer echt cool. Und schwitzt unter anderem beim City-Marathon im Frühsommer, der von Schönbrunn quer durch die Stadt in den Prater führt. Wer die Monate zuvor beim Radfahren auf der Donauinsel, beim Training im Wiener Eislaufverein, auf der Kletterwand des Wiener Flakturms im Esterházypark oder dem Street-Parcours mit Halfpipes und Quarterpipes im Skate-Lab – in einer alten Straßenbahnremise – Kondition geschunden hat, hat gute Chancen, bis zum Ende durchzuhalten. Mit ruhigerem Puls lassen sich Stadt-Events wie das Musikfilm-Festival auf dem Rathausplatz genießen, wohin bei lauer Abendluft Konzerte und Operninszenierungen, auf einer Großleinwand von Legenden wie Karajan und Bernstein dirigiert, locken. Beim Kino unter Sternen im Augarten und auf der Tribüne Krieau im Prater kann man mit Filmen abseits des Mainstreams rechnen. Und auf der Summer Stage am Donaukanal gibt es außer Essen und Trinken ein Kunstprogramm mit Open-Art-Ausstellung, Skulpturengarten und der Konzertreihe In-Voice.
Szene in Bewegung ist das Motto des Impuls-Tanzfestivals, das neueste Entwicklungen des Bühnentanzes rund um den Erdball aufspürt. Führende Ensembles, Solisten und Neuentdeckungen aus aller Welt präsentieren eine Vielfalt trendiger Stile wie Modern Dance, Kontaktimprovisation, HipHop, Breakdance und Bewegungstheater. Einen vergleichbaren Kick erleben Cineasten beim Filmfestival Viennale, wenn im Oktober mehrere Wochen jüngste internationale Filmentdeckungen, große Produktionen der Filmindustrie von Hollywood bis Tokio, Werke unabhängiger Produzenten, Dokumentar- und Kurzfilme, Retrospektiven von und Tributes an große Regisseure und Darsteller über die Leinwände flimmern.
Wien hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einer Supermacht der neuen elektronischen Musik aufgespielt und nunmehrige DJ-Stars sowie Sampling- und Remixing-Götter wie Kruder & Dorfmeister, Pulsinger & Tunakan, DSL (Europas bester HipHop-DJ mit festem Wohnsitz in Hamburg) hervorgebracht. Dazu ein ganzes Heer weiterer junger Elektronik-Gipfelstürmer, die sich Nacht für Nacht an den Turntables austoben.
Erste Adressen für Clubbings sind der Volksgarten, die Sophiensäle und das Palais Eschenbach. Die Sophiensäle sind überhaupt eine Edel-Location, wo samstags steilste Events zwischen Samtvorhängen und Plüschbänken ablaufen. Jeden ersten Samstag des Monats gibt’s Live-Jazz und Top-Bands, jeden zweiten Techno- und Rave-Parties, jeden dritten Dancefloor-Hits und Evergreens für sehr junges Publikum und jeden vierten Ethno-Feste von Oriental bis Latin und von Afro bis Indisch.
Für das Flex an der Donaukanal-Promenade gilt, dass jeder hingeht. Der fetzigste Club der Stadt ist der beste Montagstermin in Wien, aber auch sonst ist immer viel los: nationale und internationale DJs, Live-Gigs, aktuellste Sounds fern von Kommerz und Mainstream, große Tanzfläche, starke Typen und ein geiler Raum mit Flipperautomaten, Tischfußball und Internet.
Nach wie vor ein Top-Tipp ist das U 4, die Urgroßmutter der Wiener Musikszene: täglich Programm, House, Dancefloor, Live-Auftritte, eine Musikanlage, die sich gewaschen hat, und Tagesthemen von „La Notte Italiana“ (jeden zweiten Montag) bis „Heaven Gay Night“ mit House (donnerstags). Stars wie Prince und Sade haben dieser Disco bereits das Prädikat „extrem wertvoll“ verliehen.
Hanne Egghardt
Anreise
Autofahrer aus dem Norden und Osten Deutschlands fahren am bequemsten über Nürnberg, Passau und Linz, Besucher aus den westlichen Bundesländern über München und Salzburg. Reisende aus dem östlichen Teil Deutschlands, die die Strecke über Prag wählen, müssen mit weniger gut ausgebauten Straßen rechnen.
Mit dem Flugzeug
Der Flughafen Wien-Schwechat liegt 19 km südöstlich vom Stadtzentrum. Von dort verkehren in der Hauptsaison rund um die Uhr Transfer-Busse zum City Air Terminal am Wiener Stadtpark. Außerdem erreicht man das Stadtzentrum bequem mit der Schnellbahn, im Taxi oder mit einem der zahlreichen privaten Shuttle-Dienste.
Touristeninformation mit Zimmervermittlung in der Ankunftshalle.
Mit der Bahn
Die drei Hauptbahnhöfe von Wien sind Kopfbahnhöfe. Transitreisende müssen daher mit dem Taxi oder öffentlichen Verkehrsmitteln von Bahnhof zu Bahnhof fahren.
Westbahnhof: Schnellzug-Verbindungen von/nach Deutschland, der Schweiz und Ungarn
Ostbahnhof: Mehrmals täglich Schnellzug-Verbindungen von/nach Italien, Tschechien und Kroatien.
Franz-Josefs-Bahnhof: Mehrmals täglich Schnellzug-Verbindungen von/nach Deutschland, der Slowakei und Tschechien.
Informationen für Feiern
Nur wer sich genau informiert, findet heraus, wo und wann gerade was angesagt ist. Ein dickes Programm haben alle Locations, es wechselt aber ständig. Informationen bieten die Programmzeitungen Falter und City, das Gratismagazin WIENSIDE (liegt in Lokalen auf) und die von der Wiener Lomographischen Gesellschaft (ja, die mit der verrückten russischen Kamera!) herausgegebene Gratis-Broschüre „Time 4 Vienna“ (gibt’s in den Tourist-Infos).
Wiener Tourismusverband
Obere Augartenstraße 40
A-1025 Wien
Tel. 0043/ (0)1/ 211 14
Fax 216 84 92,
e-Mail: wtv(at)info.wien.at,
Internet: www.info.wien.at/
Gürtelszene mit Zukunftsperspektive
Der Gürtel, vom Autoverkehr stark frequentierte Straße und bis vor kurzem ausschließlich als Rotlichtzone bekannt, wird dank eines EU-Projektes zu einer Jugend- und Kulturmeile. In den dort verlaufenden Stadtbahnbögen der U 6 haben bereits mehrere Lokale Fuß gefasst, weitere sollen folgen. Wo oben die U-Bahn drüberfährt, ertönen unten Spitzen-Sounds von internationalen DJs und Top-Bands: Das B 72 am Hernalser Gürtel wartet mit Britpop & Indie bis Drum & Bass auf, das Chelsea am Lerchenfelder Gürtel hat gepflegte Guitar Grooves und Rock bis Alternative, und das Rhiz, ebenfalls am Lerchenfelder Gürtel, versteht sich als szeniger Veranstaltungsraum für neue elektronische Kultur, - tagsüber Internetcafé, nachts Ort für exquisite elektronische Musik und experimentelle Klangproduktionen, Film- und Videoprojektionen